Anmerkung: bei Facebook gibt es eine schöne Fotostrecke zur Veranstaltung.
In meinem vorherigen Post habe ich Gedanken zum Auftakt von “Öffentlichkeit, Medien und Politik..” festgehalten, heute geht es entsprechend weiter. Nachdem am ersten Tag der Veranstaltung die Rolle des Intellektuellen im Mittelpunkt stand, wurde am zweiten Tag unter anderem über die Veränderung der Wissenschaft durch das Internet diskutiert. Ich beziehe mich hier auf die (Pseudo-)Delphi-Runde am Nachmittag, in der wir dieser Frage nachgegangen sind, liefere aber erst noch eine relativ kurze Aufzählung der Beiträge aus den drei Sessions zuvor. Björn Brembs hat zu diesen Beiträgen sehr schöne Zusammenfassungen mitgebloggt, die ich hier nochmals verlinke.
In Autorschaft und kollaboratives Publizieren: Wissenschaft und ‘Werk’ im digitalen Zeitalter, moderiert von Friedrich Jaeger, stellten Gerhard Lauer (1) und Daniela Pscheida (2) die Frage nach Schöpfer und Schöpfung im wissenschaftlichen Zusammenhang. Bei beiden wurde dabei deutlich, dass beide Begriffe in der Zukunft ihre Bedeutung noch wesentlich verändern werden, und dass unsere aktuellen institutionellen Rahmenbedingungen dies nur bedingt unterstützen. Datenveröffentlichungen (Korpora und deren Annotation) und kollaborative Publikationsformen (Wikis) passen im Moment noch nur bedingt in das anerkannte Schema wissenschaftlicher Werke — jedenfalls, wenn es um Berufungskomissionen geht.
Weiter ging es anschließend mit Qualitätsstandards und institutionelle Kontexte digitaler Wissenschaftskommunikation, von mir moderiert, wo wir einen Schwenk in Richtung Bibliotheksarbeit, Publikationskosten und Qualitätsstandards/Qualitätsbewertung vollzogen. Die Präsentationen von Gregor Horstkemper (3) und Jochen Johansen konzentrierten sich auf die ersten beiden Aspekte, der Beitrag von Martin Warnke (4) dann auf den dritten. Für Leute aus dem Bibliotheksbereich enthielten die Talks von Horstkemper und Johansen relativ viel Bekanntes, aber für das überwiegend nicht-bibliothekarische Publikum waren sie meines Erachtens sehr wichtig. Man sollte bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor Wissenschaftlern über Bibliotheksservices und die horrenden Kosten wissenschaftlicher Toll Access-Publikationen reden, und auf keinen Fall annehmen, dass diese Informationen inzwischen jeder kennt. Wissenschaftler, die besser informiert sind, treffen bessere Entscheidungen mit Blick auf diese Punkte. Der Beitrag von Martin Warnke war vor allem durch sein Fazit spannend: der Long Tail der Forschung sei wichtig, meinte Warnke, also nicht nur die exponiertesten und ökonomisch “sinnvollen” Disziplinen, Themenfelder und Werke.
Die dritte Session Öffentlichkeit und Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter: Mythen und Realitäten, moderiert von Mareike König, lenkte schließlich unsere Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit.
Steffen Albrecht sprach über Onlinediskurse als Reflexionsspiele. Veränderungen öffentlicher Kommunikation durch die neuen Medien,
Torsten Reimer (5) über die Arbeit von JISC unter dem Titel Forschung im galaktischen Zoo. Neue Medien, neue Wissenschaftskommunikation, neue Wissenschaft?, und schließlich Rainer Winter (6) über Das Internet und die Konstitution einer transnationalen Öffentlichkeit. Der Beitrag von Torsten Reimer war insofern für mich der spannendste, als die von ihm beschriebenen citizen science-Projekte (allen voran Galaxy Zoo) in meinen Augen den Weg der Wissenschaft im 21. Jahrhundert vorzeichnen. Dieser Aspekt ist sicherlich einen eigenen Post wert, aber Partizipation ist vor allem deshalb so interessant, weil sich dadurch nicht nur bestimmte wissenschaftliche Probleme crowdsourcen lassen, sondern auch, weil so eine breite Unterstützung für Wissenschaft hergestellt werden kann. Wie Reimer es so schön sagte: an einem Projekt zu kürzen, bei dem 10.000 Steuerzahler partizipieren, fällt schwer. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie partizipative Konzepte beispielsweise in virtuelle Forschungsumgebungen integriert werden können. Gerade in den Geisteswissenschaften kann immens viel dadurch erreicht werden, dass interessierte Laien aktiv in Forschungsprozesse eingebunden werden. Dass sich aus einer Zusammenarbeit zwischen Laien und Experten auf Augenhöhe auch Konflikte ergeben können, sollte dabei ebenfalls klar sein.

Von links nach rechts: Claus Leggewie, Felix Lohmeyer, Jens Klump, Stephan Humer, Sonja Palfner, Jan Schmidt, Manfred Thaller, Patrick Sahle, Jan Schmirmund, Cornelius Puschmann und Björn Brembs. Copyright: KWI / Foto: Georg Lukas
Womit wir auch bei der Delphi-Runde angekommen wären, denn auch dort spielte dieser Aspekt eine Rolle. Ziel der Runde war die Erkundung der Frage, wie sich wissenschaftliche Kommunikation und Wissenschaft insgesamt durch das Internet verändern. Ursprünglich hatten wir gehofft, besonderes Augenmerk auf die Nutzungsansätze unterschiedlicher Generation zu richten, was wir aber dann aber zugunsten eines stärker individuellen Ansatzes verworfen haben. Die Runde war zwar fachlich gut durchmischt, allerdings mit Blick auf die Faktoren Alter, Geschlecht und Internetaffinität eher homogen (nämlich vorwiegend 30-40 Jahre alt, männlich und “Internetfreundlich”).
Hier eine Auflistung der Teilnehmer:
- Björn Brembs, FU Berlin
- Stephan Humer, Universität der Künste Berlin
- Jens Klump, Geoforschungszentrum Potsdam
- Felix Lohmeyer, SUB Göttingen
- Sonja Palfner, TU Berlin
- Patrick Sahle, Universität Köln
- Jan Schmidt, Hans Bredow Institut für Medienforschung, Hamburg
- Jan Schmirmund, ZMI Gießen
- Manfred Thaller, Universität Köln
Drei Aspekte sind mir nachträglich besonders im Gedächtnis geblieben, wobei es sich um eine sehr subjektive Auswahl handelt. Die Diskussion war sehr ergiebig und der aufgezeichnete Ton wird hoffentlich noch veröffentlicht, damit Interessierte das gesamte Gespräch nachvollziehen können.
Redet die digitale Wissenschaftsclique mit sich selbst?
Ich bleibe gleich bei der Frage der Repräsentativität. Als Jan Schmidt zu Anfang der Diskussion über seine Computersozialisation mit dem heimischen C64 berichtete und Björn Brembs prompt verständnisvoll nickte, musste ich ebenfalls an entsprechende Erfahrungen denken. Das war mir zumindest zum Teil etwas suspekt, denn wie generalisierbar können unsere Perspektiven sein, wenn wir eine derart homogene Gruppe darstellen? Dabei meine ich nicht die Repräsentativität des Runde als Grundlage einer empirischen Untersuchung, sondern eventuelle wissenschaftspolitische Entwicklungen, die sich langfristig an einer kleinen und sehr spezifischen Gruppe orientieren, deren Verhalten als progressiv eingeordnet wird (und die sich auch laufend durch ihre digitale Präsenz selbst bescheinigt, wie progressiv sie ist). Das bedeutet natürlich nicht, dass die Richtung nicht stimmt, aber nachdenklich macht mich dieser virtuelle echo chamber schon etwas.
Digital divide auch in der Wissenschaft
In diese Sinne stellte Patrick Sahle bereits zu Beginn der Runde fest: “der Graben wird größer”. Gemeint war speziell der Graben zwischen den Digital Humanities und den “normalen” Geisteswissenschaften, der nach Patricks Eindruck eher breiter als schmaler wird. Björn Brembs monierte, dass sich viele Praktiken innerhalb der Wissenschaft nur im Schneckentempo durchsetzten, die außerhalb der Wissenschaft bereits üblich seien. Er bemängelte die große Diskrepanz zwischen dem, was üblich, und dem, was (technisch) möglich ist — eine Frustration, die wohl jeder schon erlebt hat, wenn es um die zuweilen arkanen Praktiken im Universitätsbetrieb geht.

Die Geisteswissenschaften müssen das Internet erobern (Manfred Thaller, daneben Sonja Palfner). Copyright: KWI / Foto: Georg Lukas
Von unsichtbarer Arbeit zu institutioneller Anerkennung
Einerseits wurden von den Teilnehmern die vielen indirekten Vorteile ihrer Nutzung digitaler Medien hervorgehoben (Informiertheit, bessere Vernetzung mit Kollegen, erhöhte Sichtbarkeit der eigenen Forschung), andererseits wurde für mich aber auch die Forderung nach einer stärkeren institutionellen Anerkennung deutlich. Wie Sonja Palfner bemerkte, nimmt der Anteil des “invisible work” ständig zu, also die Arbeit, die ein Wissenschaftler im Zusammenhang mit Forschungsanträgen, Gutachten, Evaluationen, usw. verrichtet. Addiert man dazu Social Media-Nutzung und andere informelle Kommunikationsaktivitäten, so bleibt immer weniger Raum für die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die zugleich das zentrale Beurteilungskriterium darstellen, wenn es um die wissenschaftliche Karriere geht. Dennoch wird nachweislich immer mehr veröffentlicht und (vermutlich) immer weniger gelesen. Die Anerkennung verschiedener “unsichtbarer” Arbeiten, die Wissenschaftler übernehmen, könnte ein erster Schritt sein, die Flut an reinen Karrierepublikationen einzudämmen.


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