Dieser Post geistert schon seit mehreren Monaten als Entwurf in meinem Blog herum, aber irgendwie komme ich erst jetzt dazu, ihn abzuschließen. Ich tue das im Vorfeld zu der Veranstaltung Participatory knowledge production 2.0: Critical views and experiences des Virtual Knowledge Studio Maastricht. Dort wird am Mittwoch unter anderem René König einen Beitrag zur Wikipedia vorstellen, der diesen Post mit angeregt hat.
Initialzündung war allerdings ein noch früheres Ereignis. Vergangenen November habe ich bei der Wikipedia Academy in Frankfurt einen Vortrag über Wikipedia, Creative Commons und Open Access gehalten (Slides). Es hat besonders Dank der Fragen und Gespräche im Anschluss an die Präsentation viel Spaß gemacht, an der “Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit” (so mein Vortragstitel) zu präsentieren. Ich habe auch das Problem zu spüren bekommen, dass ein Nischenthema wie Open Access zunächst einmal mit Leben und Relevanz gefüllt werden muss, um ausserhalb eines kleinen Expertenkreises anzukommen. Die anwesenden Wikipedianer waren sehr interessiert und so entstand trotz des engen Zeitplans ein angeregtes Gespräch. Eine schöne Zusammenfassung liefert einmal mehr Anna Lena Schiller:
Im Anschluss an die Präsentationen ging es in die Alte Aula der Universität Frankfurt zur Verleihung der Zedler-Medaille. Nach einer kurzen Ansprache durch Pavel Richter wurde dann die von Volker Panzer moderierte Podiumsdiskussion zum Thema “Was ist Wissen?” eröffnet. Die Teilnehmer waren Prof. Dr. Johannes Fried, Prof. Dr. Stefan Hradil, Prof. Dr.-Ing. Johannes Janicka und Dr. Carsten Könneker. Leider konnte ich das Gespräch nicht vollständig anhören, da ich der Zug nach Düsseldorf erwischen musste, aber die Diskussion setzte bei mir einen Gedankengang in Bewegung, den ich hier ausführen möchte.
Die zentrale Frage der Podiumsdiskussion lautete “Was ist Wissen?” Für eine Wikipedia-Veranstaltung erschien mir das eine hervorragende Frage zu sein — und auch eine, zu der bestimmt der eine oder andere Wikipedianer etwas zu sagen haben würde. Nachdem Volker Panzer die Teilnehmer vorgestellt hatte, wurde aber eine etwas seltsame Diskrepanz deutlich, die sich auch auf die Diskussion spürbar auswirkte: die Runde bestand auschließlich aus Männern, von Carsten Könnecker, dem Chefredakteur von Spektrum der Wissenschaft, abgesehen ausschließlich aus erfahrenen (und auch älteren) Professoren. Man begann das Gespräch mit relativ allgemeinen Fragen zu den Eigenschaften von Wissen, z.B. zum Verhältnis von Wissen und Information, zu Sprache und Wissen und anderen Fragestellungen, mit denen sich mit Sicherheit viele Menschen schon einmal auseinandersetzt haben, wenn auch vielleicht nicht im Rahmen einer Podiumsdiskussion. Eine Aussage führte zu einer geraunten Beschwerde meinerseits. Ein Teilnehmer argumentierte für eine sehr enge Verknüpfung von Sprache mit Schrift und nannte das geschriebene Wort den “Wissensspeicher der Menschheit” oder so ähnlich (ich paraphrasiere). Die Gleichsetzung von Schrift und Sprache ist so ein Klassiker, mit dem man jeden Linguisten sofort auf die Palme treibt, weil sie hochgradig problematisch ist und dennoch gerne von umfassend gebildeten Menschen postuliert wird. Über Sprache im Sinne einer mentalen mentale Fähigkeit und in gesprochener Form verfügt der Mensch bereits wesentlich länger als über Schrift. Der Großteil aller Sprachen weltweit existiert nur in gesprochener Form, was diese Sprachen nicht weniger komplex, ausdruckstark, bedeutungstragend oder schützenswert macht als die, die auch geschrieben werden. Gesproche Sprache ist primär (wir lernen zu sprechen, lange bevor wir schreiben lernen) und selbst wenn die Schrift in unserem Alltagsleben einen immensen Stellenwert hat, so ist doch gesprochene Sprache für grundlegende soziale Interaktionen unverzichtbar. Soziale Beziehungen pflegen Menschen schon ziemlich lange, Schrift ist erst durch einigermaßen komplexe Staats- und Wirtschaftssysteme unverzichtbar geworden. Zu argumentieren, Schrift sei gleichbedeutend mit Wissen, oder gar seine Voraussetzung, verkennt die kulturellen Leistungen früherer und existierender Zivilisationen. Das mindert nicht die Nützlichkeit von Schrift für die Weitergabe und vor allem für die Vereinheitlichung von Wissen, aber das ist eine andere Sache.
Ich will hier aber nicht Haare über fachliche Spitzfindigkeiten spalten, sondern skizzieren, wie der Begriff Wissen von den Diskussionsteilnehmern interpretiert wurde. Immerhin unterhielt sich da ein Panel aus Gelehrten, von denen nach meinem Eindruck keiner jemals die Wikipedia selbst editiert hat, bei der Wikipedia Academy über die Frage, was Wissen sei. Man kann diese Frage kulturgeschichtlich, kognitionspsychologisch oder hermeneutisch beantworten und sich auf diesem Wege auch trefflich unterhalten. Was aber die öffentliche Verhandlung von Wissen in seinem ganz alltäglichen und aktuellen gesellschaftlichen Kontext bedeutet, erklärt man damit nicht. Und genau das wäre im Kontext einer Wikipedia-Veranstaltung in meinen Augen eine große Chance gewesen. Ein Gespräch nicht darüber was Wissen ist, sondern wer Wissen macht und wie.
Aber zunächst noch etwas zurück zu der professoralen Runde. Er herrschte eine gewisse Internetskepsis vor, die man aus anderen Konstellationen ähnlicher Prägung schon kennt, und die angesichts der Art der Veranstaltung insofern etwas seltsam erschien, als dass über die Wikipedia aber nicht mit der Wikipedia — also Wikipedianern — gesprochen wurde. Auch andere von den Diskutanten geäußerte Sorgen hat man in ähnlicher Form schon an anderer Stelle gehört. Beispielsweise wurde die Gefahr der Informationsüberflutung angesprochen, die durch freies Wissen im Internet noch verschärft würde. Die Meinung in der Runde waren zwar differenziert und keine stumpfe “Anti-Internet”-Perspektive, es wurde aber das Unbehagen gegenüber vielen “falschen” und “irrelevanten” Informationen im Netz deutlich, die Vertreter dieser Generation ja auch im Feuilleton gerne und oft artikuliert.
Spannend fand ich dabei die Selbsverständlichkeit, mit der eine klare Trennung von richtig und falsch einerseits und relevant und irrelevant andererseits vollzogen wurdee. Man sieht an manchen Formulierungen die Perspektive einer Machtelite (was stimmt entscheiden wir) und andererseits grüßt auch das Papierzeitalter: es sollte bitteschön nur das verbreitet werden, was stimmt und relevant ist — beides Aspekte, die längt nicht immer objektiv bewertbar sind. Ich will Fakten keinesfalls als etwas beliebiges darzustellen, oder behaupten, so etwas wie richtig und falsch gäbe es nicht. Natürlich enthält wie jede anderen Informationsquelle auch die Wikipedia Fehler. Aber (und warum muss man das eigentlich noch feststellen?) das gilt für andere Quellen natürlich auch. Und Wikipedia enthält auch Vieles, worauf die binäre Unterscheidung in relevant und irrelevant überhaupt nicht mehr anwendbar ist, es sei denn man fragt: Wahr für wen? Relevant für wen?
Denken wir uns mal einen Augenblick lang einen Wikipedianer dazu, vielleicht obendrein — sind wir mal irrwitzig kreativ — eine Frau unter 40 mit Migrationshintergrund, um die professorale Runde etwas aufzumischen. Was hätte sie zur Frage “Was ist Wissen?” wohl gesagt? Ich kann nur spekulieren, aber ich würde wetten, dass sie die Frage vermutlicher pragmatischer und konkreter hätte beantworten können, als die Wissenschaftler der Diskussionsrunde. Sie hätte sagen können, dass die Wissensfindung in einem Wikipedia-Artikel ein unordentlicher, langwieriger, und mühseliger Prozess ist, bei dem diskutiert, ediert, gelöscht und gestritten wird und der niemals wirklich abgeschlossen ist. Und das natürlich das Falsche stehenbleibt und das Richtige gelöscht wird, ganz wie in Schulbüchern, Tageszeitungen und wissenschaftlichen Publikationen eben auch, nur dass es dort niemand mitbekommt. Bei Wikipedia mitzumachen ist sicherlich inzwischen sehr viel schwieriger, als dies noch in der Gründungsphase der Fall war. Auch bei Wikipedia haben Akteuere unterschiedlich viel Macht, auch dort gibt es Agendas. Aber es partizipieren in Wikipedia doch wesentlich mehr Menschen, als dies bei einer traditionellen Enzyklopädie der Fall ist. Und das verändert eben nicht nur die Menge, den Detailgrad oder die Zugänglichkeit der Informationen, sondern auch die erweiterte Funktion einer solchen Plattform — vom Wissensprodukt zum Wissensprozess. Dieser Prozess führt nicht automatisch zum besten Ergebnis — das muss es aber auch gar nicht. Er bindet Menschen ein und vermittelt ihnen, Teil eines Schaffensprozesses zu sein, und nicht nur passive Wissensempfänger. Schaut man sich institutionelle Wissensumgebungen wie Schule und Uni an, so wird schnell klar, dass es dort anders zugeht.
Das Internet fordert unter anderem deshalb gesellschaftliche Eliten heraus, weil es alternative Zugänge zu und Teilnahme an Wissen ermöglicht. Im Falle der Wikipedia sind es (unter anderem) Schule und Wissenschaft, die herausgefordert werden. Dabei geht es weniger darum, dass die bestehenden System ersetzt würden, als vielmehr um vergrößerte Transparenz und Partizipationsmöglichkeiten durch neue, bislang nicht in den Wissensverhandlungsprozess eingebundene Akteuere. Die Wikipedia ist nicht perfekt, aber das muss sie auch nicht sein. Es genügt völlig, dass sie uns die Komplexität der Wissenskodifizierung vor Augen führt, und dass sie die Barrieren zur Teilnahme an dieser Kodifizierung im Vergleich zum Buchzeitalter merklich reduziert hat. Die Wikipedia ist nicht bedeutsam als ewiger Wissensspeicher, in dem ordentlich sortierte Fakten abgelegt werden. Vielmehr ist sie ein Marktplatz, auf dem Wissen verhandelt wird, und dieser Prozess ist vielleicht wichtiger als sein Endprodukt, auch wenn er zweifellos mitunter ziemlich mühselig ist.
Because our knowledge is so closely tied to our identity, it’s very important to each of us that our peers view us as knowledgeable and skillful. One of the major ways we demonstrate that to our peers is by sharing our knowledge with them. But sharing knowledge is risky, the other person may make a cutting remark about it or indicate that it’s not worth listening to. And sharing knowledge is time consuming, because to really respond to another’s question or problem takes the time to understand the issue and to explain in sufficient depth. So we rightly place conditions around sharing our in-depth knowledge. The relationships we build with others provide a needed level of confidence that our knowledge will be treated with respect. Knowledge sharing and relationship are coupled.


