An diesem Montag und Dienstag fand am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen die Tagung „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“, organisiert von Claus Leggewi/Friedrich Jaeger (KWI) und Gudrun Gersmann/Mareike König (Deutsches Historisches Institut Paris) statt, bei der ich mitdiskutiert und (ein wenig) mitorganisiert habe. Nachdem ich gestern schon eine knappe Liste von Blog-Einträgen und anderen Berichten zur Tagung zusammengestellt habe, die ich noch erweitern werde, folgen in diesem Post nun einige Gedanken und Eindrücke zum ersten Tag der Veranstaltung und den dort geführten Diskussionen. Ich konzentriere mich dabei bewusst nicht auf den genauen Inhalt der einzelnen Vorträge, sondern greife lediglich ein paar für mich besonders interessante Punkte auf.
Nach einer kurzen Einführung durch Gudrun Gersmann und Claus Leggewie diskutierten am Montagnachmittag Jens Hacke, Ute Daniel, Stefan Münker und Mike Sandbothe unter dem Titel J’accuse” per Twitter? Intellektuelle im digitalen Zeitalter, gefolgt von einem Vortrag von Christoph Bieber mit dem Titel Metamorphosen des politischen Intellektuellen. Leider konnte Anne Roth krankheitsbedingt bei der Podiumsdiskussion nicht dabei sein.
Im Tagungsprogramm wird die Verbindung von zwei im Prinzip eigenständigen Themen im Rahmen einer Veranstaltung näher erläutert:
Die Tagung widmet sich der Frage, wie sich gegenwärtig unter dem Einfluss digitaler Medien und des Web 2.0 die Struktur der Wissenschaftskommunikation und damit zugleich die öffentliche Bedeutung der Intellektuellen als Akteure dieser Kommunikation verändert. [..]
Derartigen Fragen nähert sich die Tagung auf zwei Wegen: Während der erste Tag dem gegenwärtigen Wandel der soziokulturellen Rolle und politischen Bedeutung der Intellektuellen nachspürt, stehen in den Sektionen des zweiten Tages die entscheidenden Veränderungen der Wissenschaftskommunikation im Web 2.0 auf dem Prüfstand.
Beide Aspekte — die Rolle des Intellektuellen im digitalen Zeitalter und die Veränderung der Wissenschaft(skommunikation) durch das Internet — sind durchaus eng miteinander verknüpft, sofern die eigene Vorstellung von Intellektuellen und Intellektualität mit der persönlichen Vorstellung von Wissenschaft irgendwie zusammenhängt. Das war allerdings nicht bei allen Teilnehmern so: die Äußerung, man habe keine präzise Vorstellung davon, was einen Intellektuellen wirklich ausmache, ob es ihn noch gäbe, oder ob man ihn eigentlich brauche, wurde mehrmals im Verlauf der Tagung von verschiedenen Teilnehmern wiederholt.

Als historischer Ausgangs- und Bezugspunkt wurde in der Eröffnungssession und auch im weiteren Verlauf Émile François Zolas offener Brief “J’accuse”, Auslöser der Dreyfus-Affäre und Geburtstunde des modernen Intellektuellen genannt. Zolas Enthüllung und Anklage vereinte die Eigenschaften, die dann ein Bild des modernen Intellektuellen als gesellschaftlich Handelnden prägten: geschickte Nutzung der Medien, elaborate Argumentation und eine klare politische oder soziale Zielsetzungen. Beispiele, die während der Tagung herangezogen wurden, verdeutlichten dann allerdings auch, dass noch andere Eigenschaften je nach persönlicher Vorstellung hinzuaddiert wurden: Gelehrsamkeit, Theorienähe und wechselnde Distanz zu vorherrschenden politischen Meinungen waren nach meinem Eindruck weitere Eigenschaften, die herangezogen wurden. Christoph Bieber differenzierte in seinem Abendvortrag das Bild des Intellektuellen noch weiter aus. Das war besonders insofern nützlich, als dass er unterschiedliche “Entwicklungsstufen” des Intellektuellen an dessen Medien- und Technologienutzung festmachte (hier mehr dazu in Christophs Blog, die Slides folgen vielleicht noch). Auf den Intellektuellen als Schriftgelehrten folgte der Intellektuelle als Performer in den audiovisuellen Massenmedien und schließlich — darauf gehe ich ein anderes Mal vielleicht noch genauer ein — der Intellektuelle als Programmierer.
Die Einordnung anhand der Mediennutzung fand ich einleuchtend, weil sie mir neutraler erscheint als eine Bewertung durch den Grad der Sachlichkeit oder Gelehrsamkeit vermeintlicher Intellektueller. Die Teilnehmer, die den Begriff intellektuell insgesamt ablehnten oder zumindest problembehaftet fanden, taten dies nach meinem Eindruck auf der Grundlage des von ihm ausgestrahlten Elitismus — der Intellektuelle als Snob also, der fernab der Gesellschaft deren Niedergang bejammert und für sich eine besondere Deutungshoheit über Prozesse und Zusammenhänge reklamiert, deren Teil er selbst ja durchaus auch ist. Beschreibt man hingegen den Intellektuellen als geschickten Mediennutzer mit einer Agenda, die er erfolgreich argumentativ vor seinem Publikum vertritt, dann ist der Intellektuelle im Internetzeitalter wohl noch alive and kicking, nur hat er eben in Christoph Biebers Worten eine Metamorphose durchlaufen, die ihn vom Text als alleinigem Ausdrucksmittel wegführt, hin zur “Anarchie” des Internets (O-ton Jens Hacke).
Macht das Julien Assange zu einem Programmierer-Intellektuellen, wie Christoph Bieber sagt? Ich finde die Frage berechtigt, denn in meinen Augen argumentiert Assange für eine bestimmte Weltsicht und gegen eine andere. Das Argument ist nicht ein Text (wobei Assange ja auch ein paar von denen geschrieben hat), sondern eine Handlung (das Leaken von Informationen), aber eindeutig eine kommunikative Aktion, die strategische Ziele verfolgt. Ob diese Ziele nun versprachlicht (und so eben auch verwissenschaftlicht) werden, steht auf einem anderen Blatt, aber für mich lässt sich das mit dem Bild eines neuen, digitalen Intellektuellen sehr gut in Einklang bringen. Eine Bewertung findet dabei freilich nicht statt — im Verlauf der Tagung wurde mehrmals festgestellt, dass eben auch ein Thilo Sarrazin die Erfordernisse eines Intellektuellen erfüllt, wenn man ausschließlich die oben genannten Kriterien heranzieht.
Meine Darstellung ist hier vermutlich verkürzt, aber Ergebnis des Diskussionsstrangs zur Rolle des Intellektuellen im digitalen Zeitalters war für mich eine binäre Entscheidung. Entweder man geht davon aus, dass es “den Intellektuellen” nicht oder kaum noch gibt, weil er durch den Bedeutungsverlust der Massenmedien langsam aber sicher verschwindet, oder man nimmt an, dass er sich in einen digitalen Kommunikator verwandelt und an neue mediale Gegebenheiten anpasst. Etwas überspitzt ersetzen also Julien Assange und Larry Lessig Jürgen Habermas und Michel Foucault. Wenn einem diese Umwidmung des Begriffs zu weit geht, ist es vermutlich sinnvoller, ihn einfach zu begraben. Auf Grundlage akademischer Verehrung alleine, wie bei den genannten “Großintellektuellen” Habermas und Foucault (die nach meiner Erfahrung gerne seltsam erfurchtsvoll erwähnt werden, als würde man durch eine Namensnennung bereits etwas unwiderbringlich beweisen) lässt sich jedenfalls kein moderner Intellektuellenbegriff mehr aufbauen. Einerseits widerstrebt das unserem wachsenden Egalitätsanspruch, und andererseits steigt die Zahl derer, die diese Namen vermutlich erst einmal googeln müssen, schlicht zu schnell.
So viel meinerseits. Wer sich mit dem wandelnden Bild des Intellektuellen näher beschäftigen möchte, kann beispielsweise den dazugehörigen Wikipedia-Eintrag genauer unter die Lupe nehmen.
Anmerkung 1: ich update diesen Beitrag laufend und füge neue Posts hinzu.
Anmerkung 2: ich habe hier ein paar Gedanken zum ersten Tag der Tagung gebloggt.
Björn Brembs hat blitzschnell einige Beiträge zu den Vorträgen bei Öffentlichkeit, Medien und Politik, der Veranstaltung von KWI und DHI in Essen, bei der ich gerade bin, gebloggt.
- Podiumsdiskussion: “J’accuse” per Twitter? Intellektuelle im digitalen Zeitalter
- Christoph Bieber: Metamorphosen des politischen Intellektuellen
- Gerhard Lauer: Die Geburt des Autors aus den Daten. Urheberschaft im Petabyte-Zeitalter
- Daniela Pscheida: Wissensmo(nu)mente – Fünf Thesen zum ‘Werk’ im digitalen Zeitalter
- Gregor Horstkemper: Orientierung, Recherche, Zugang: Klassische Bibliotheksaufgaben neu definiert
- Jochen Johannsen: Rechnung 2.0 – Ökonomische Aspekte digitaler Wissenschaftskommunikation
- Martin Warnke: Top Hits und der Long Tail. Oder: Das Ende des Mittelmaßes
Kurzer Blogbeitrag von Martin Warnke.
Kudos, Björn — meine Zusammenfassung folgt noch nach der Tagung. Wer die Backchannel-Gespräche zur Veranstaltung live bei Twitter verfolgen möchte, kann unter dem Konferenzhashtag tun.
Bericht bei DeutschlandRadio Wissen
Bericht im WDR3: “Meinungsbildung 2.0″
Ein Beitrag von Andrej Klahn
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